„Renegade – Tiefenrausch“ von J.A. Souders

„Mein Leben ist absolut perfekt.“ Dies ist der erste Satz, den Evelyn jeden Morgen im Kopf hat, wenn sie ihre Augen aufschlägt. Und es ist so – in der Unterwasserstadt Elysium, die von ihrer Mutter regiert wird, ist alles perfekt: Jeder passt ins optische Schema und hält sich an ein ausgefeiltes Regelsystem, dessen Missachtung streng geahndet wird. Die Regeln sind wichtig, um den Frieden zu erhalten, den es an der Oberfläche mit all den selbstsüchtigen, kriegerischen Menschen nicht geben konnte.
Evelyn scheint jedoch eine schlechte Nachfolgerin ihrer Mutter zu werden, denn sie ist vergesslich und bedarf täglicher Besuche beim Therapeuten, um ihre Erinnerungslücken in den Griff zu bekommen.

Erst als der Oberflächenbewohner und somit unbefugte Eindringling Gavin gefangen genommen wird und sie sich gegen alle Regeln zu ihm hingezogen fühlt, wagt sie es, unter die perfekte Oberfläche von Elysium zu blicken. Und was sie dort entdeckt, wirft nicht nur ihr Welt- und Selbstbild über den Haufen, sondern sie muss um ihr eigenes Leben und das von Gavin kämpfen…

Ivi hat mit „Renegade – Tiefenrausch“ von J.A. Souders erneut ein richtig gutes Händchen für fesselnde und dennoch sehr locker zu lesende All-Age-Literatur bewiesen. Eigentlich handelt es sich um eine Dystopie, „uneigentlich“ ist das Szenario in der Science-Fiction-Version von Atlantis jedoch so weit entfernt von den gängigen Dystopien, dass das Buch sehr eigenständig und anders ist.
Trotz des eingangs beschriebenen Gefühls von Weite durch die Glaskuppeln, entwickelt J.A. Souders mittels des starren Korsetts von Regeln sowie dem System von Belohnung und strenger Bestrafung eine immer beengter erscheinende Lebenswelt, die beim Lesen fühlbar wird.

Von der ersten Seite an erscheint der Alltag von Evie unheimlich, wobei es eher unterschwellige Ungereimtheiten sind, die stutzig machen. Ab dem zweiten Kapitel erkennt man als Leser (und das zwangsweise viel schneller als die Ich-Erzählerin Evie), dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Das ist zunächst gruselig, dann widerlich und grausam – und spätestens ab diesem Zeitpunkt legt man das Buch nicht mehr aus der Hand, weil man wissen mag, was und wie viel (psychologischer) Wahnsinn denn hinter allem steckt. Dabei gibt es einige falsche Fährten und Wendungen, die diese vielleicht doch vorhersehbare Story richtig spannend bleiben lassen.

Evie ist eine bestechende Protagonistin, die unter der Glaskuppel in ihrer eigenen Seifenblase gefangen ist und deren mitunter sprunghafte Entwicklung inklusive der Rückfälle nachvollziehbar ist, mitfühlen lässt und immer für eine Überraschung gut ist. Die erste Hingabe an Gavin geschieht erwartungsgemäß sehr schnell, allerdings liegt der Schwerpunkt auch eher auf ihren gemeinsamen Erlebnissen, der Entwicklung zum vertrauensvollen Paar – und gipfelt in einem wunderschönen leisen Ende.

Fazit: Pawlow hätte seine Freude an dieser All-Age-Dystopie – fiese Konditionierungen in einer modernen Atlantis-Szenerie machen dieses Buch mit seinem berührenden Liebespaar zu einem rundum gelungenen Lesevergnügen, das einem wohlige und geschockte Gänsehaut beschert und nicht an grausamen Szenen sowie überraschenden Wendungen spart.

Bewertung: Rundum zufriedene 14/15 Punkten!

Verlag: ivi
ISBN: 978-3492702812

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